DAS Q - MANAGEMENTWISSEN IM KLARTEXT |
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... bis sie schwarz werden... Achim H. Pollert über Gefangenenfürsorge
Mögen Sie Krimis? Im Fernsehen? Oder in Buchform? Oder gar die Reality-Formen wie z.B. die Fahndungssendungen? Wir leben in einer Zeit der Hochblüte des Krimis. Und das birgt natürlich die Gefahr, dass uns allen der Blick auf die Realität, auf das Wesentliche verstellt wird. Wir beobachten in dem, was uns die Medien so vorführen, die übelsten Straftaten. Und man fragt sich heute wohl auch schon, was uns schlimmer vorkommt: Die erfundenen Geschichten aus Filmen und Büchern oder die medial aufbereitete Realität dessen, was wirklich passiert ist? Was geht in uns vor, wenn uns vorgeführt wird, wie ein alter Mann von zwei Jugendlichen zu Tode getreten wird, weil er sie in der U-Bahn aufgefordert hat, nicht zu rauchen? Oder wenn Eltern am sozial aufgeweichten Rand der Gesellschaft ein Kleinkind zu Tode quälen und es schliesslich verhungern lassen? Oder wenn ein Verkehrsrowdy durch einen Tritt auf das Gaspedal eine fünfköpfige Familie ums Leben bringt? Oder eben die Geschichten aus dem Krimi: wenn der schleimige Geschäftsmann die gemeinsten Kapriolen dreht, um zu verschleiern, dass er schwul ist? Oder wenn der machtgierige Politiker sich als moralische Autorität aufspielt und hinter verschlossenen Türen unbedingt frühere Sauereien vertuschen will? In der öffentlichen Diskussion jedenfalls kocht nach spektakulären und abscheulichen Verbrechen immer der Ruf nach härteren Strafen hoch. Im Wirtshaus kann das durchaus auch bis hin zu Forderungen nach Wiedereinführung der Todesstrafe gehen. Auf jeden Fall aber dürften dann jeweils viele Leute der Meinung sein, man sollte solche Straftäter einsperren, bis sie schwarz werden. Mit Sicherheit Diese ganze "Schlüssel-fortwerfen"-Ideenwelt geht allerdings, wie gesagt, an der Realität vorbei. Die Realität sieht ja wohl so aus, dass wir alle als Gesellschaft uns Sicherheit wünschen. Und Sicherheit vor dem Fehlverhalten von einzelnen Menschen erreichen wir nicht durch möglichst harte Strafen.- besonders wenn es um schwerwiegende Fehlhandlungen geht. Ganz im Gegenteil: Harte Strafen können den Alltag eines Menschen komplett zerreissen und ihm jede vernünftige Lebensperspektive nehmen. Die Gefahr daran ist, dass ein solcher Mensch, der nichts zu verlieren hat, noch viel eher solche Straftaten begehen wird. Wenn der Straftäter von vorne herein zum Asozialen und zum Ausgestossenen gemacht wird, dann wird unsere Gesellschaft für den einzelnen weniger sicher! Dass auch einem Straftäter ermöglicht wird, nachdem er seine Strafe verbüsst hat, sich einen vernünftigen Platz in der Gesellschaft zu suchen, wo er sich ein eigenes Leben aufbauen kann und somit wirklich auch etwas zu verlieren hat, das ist die grösste Sicherheit für alle. Und das ist der Ausgangspunkt für jede Form von Resozialisierung und Reintegration. Von rein humanistischen Erwägungen wie Menschenwürde, Selbstverwirklichung oder soziale Anbindung einmal ganz abgesehen. Und an diesem Punkt, wo das Engagement der Betreiber der Zürcher Stiftung für Gefangenen- und Entlassenenfürsorge ZSGE angreift. Damit Strafentlassene nicht rückfällig werden, so diese Stiftung auf ihrer Homepage, sind Lösungen für Wohnen und Arbeiten entscheidend wichtig. Erwähnt wird, dass der Gedanke der Reintegration von Haftentlassenen im Kanton Zürich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück reicht und somit tiefe historische Wurzeln hat, die dann im Jahr 1975 zur Gründung der heutigen engagierten Stiftung führten. Als Hauptziel verfolgt die ZSGE die Erleichterung und Förderung der Wiedereingliederung von Straffälligen in die Gesellschaft. Hier wird die direkte finanzielle Unterstützung ebenso genannt wie auch Weiterbildungen oder die Einrichtung einer ersten Wohnung. Wahrscheinlich noch viel wichtiger ist daneben aber das zweite Bestreben dieser Stiftung. Dort heisst es nämlich, dass eine aufgeschlossene und auf Integration bedachte Einstellung der Gesellschaft gegenüber verurteilten Menschen gefördert werden soll. Wir alle sollen wohl unsere Berührungsängste zu straffällig gewordenen Mitmenschen verlieren und bereit sein, Hand zu bieten für eine neue Lebensperspektive dieser Menschen. Ganz bewusst sollen wir wohl Abschied nehmen von diesen menschlich auch nachvollziehbaren Sühne-, um nicht zu sagen Rachegedanken. Dass eine Gesellschaft weniger sicher ist, wenn sie es anders macht, wenn sie also unerbittlich und unversöhnlich ist, davon geben alleine schon die Schilderungen vergangener Epochen in der Weltliteratur einiges Zeugnis (z.B. Charles Dickens, Victor Hugo). Das konkrete Wirken Im Stiftungsrat der ZSGE engagieren sich Menschen, die es offenbar aus eigener Betrachtung wissen müssen. Im Gremium findet sich nicht nur ein Pfarrer, sondern ebenso ein Staatsanwalt. Dabei ist es ausgesprochen sympathisch, dass diese ZSGE nun so gar nicht das grosse Wort führt und anstrebt, mehr zu sein als zu scheinen. Ganz im Gegenteil backt die Stiftung durchaus überschaubare Brötli und bietet einigen real existierenden Menschen die konkrete Chance auf ein neues, menschenwürdiges Leben. Unterhalten werden in drei Betrieben in Zürich 36 Arbeits- und 25 Wohnplätze, die von rund 20 fest angestellten Mitarbeitenden betreut werden. Besonders bemerkenswert ist der Gedanke der Prävention, der sich auch hier offenbart. So gibt es den sog. Arbeitsbetrieb, in dem zahlungsunfähige Menschen, die zu einer Geldbusse verurteilt wurden, ihre Busse abarbeiten können. Mehr noch: Selbst Freiheitsstrafen bis zu 180 Tagen können hier ersatzweise abgearbeitet werden. Der Gedanke dahinter: Wer - aus möglicherweise eher geringfügigem Anlass - in die Mühlen des Strafvollzugs kommt, der kann immer auch zu Schlimmerem abrutschen. Also auch echte Hilfe bei der Verhinderung von regelrechten kriminellen Karrieren, deren Ende ja oft gar nicht absehbar wäre. Die ZSGE - wieder ein Beispiel für ein Engagement, das unsere Gesellschaft ein bisschen würdiger und lebenswerter macht. ... und sicherer.
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